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Diskussion zum Modul C: Israel im Land

– von Josua bis zum Exil –

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37 Kommentare

  1. Hallo Manfred,

    2 kurze Fragen zum Samuel-Buch:

    Warum konnte David nicht ehrlich Achisch sagen, welche Völker er überfiel? Waren sie mit den Philistern verbündet, und sie hätten Probleme bekommen, wenn herauskommt dass ein Vasall sie bekämpft?

    S.34 AB3: Warum musste Usa sterben, als er die Bundeslade berührt hat? Er hat es doch nur gut gemeint, und dass die lade nicht wie angeordnet von Priestern getragen wurde sonder auf deinem Wagen transportiert war ja sicherlich nicht seine Entscheidung gewesen.

    Danke!
    Liebe Grüße aus Köln!
    Lydia

    1. 1) Zu 1Sam 27: David hatte eine doppelte Strategie: er bekämpfte die Feinde der Judäer, aber gegenüber den Philistern war seine Stategie 1Sam 27,12. So erwarb er sich das Vertrauen seines Oberherrn.

      2) 2Sam 6. Es geht im Text nicht um das, was Usa möglicherweise gemeint hat, sondern um ein schweres Versäumnis seinerseits. Denn die Bundeslade war in sich „gefährlich“, weil „aufgeladen“ mit der Heiligkeit der Gegenwart Gottes (Heiligkeit kann für Unheiliges tödlich wirken, so z.B. auch in Apg 5!). Selbst der Hohepriester durfte ja trotz aller Reinigungs- und Heiligungsriten später nur einmal im Jahr vor sie hin treten (am Versöhnungstag) – sonst hätte er sterben müssen. Als Priester hätte Usa über den korrekten Umgang mit der Lade Bescheid wissen und danach handeln müssen; das war sein „Beruf“!

      Mehr gibt der Text nicht her. Man kann spekulieren, dass Usa (und Achjo), wenn sie sich geheiligt hätten – wie etwa Israel am Sinai oder am Jordan (Ex 19,10-15.21-22; Jos 3,3ff) oder Mose am Dornbusch (Ex 3,3-5) –, das nicht passiert wäre. Denn dann hätten sie die Lade sicherlich in der vorgeschriebenen Weise getragen bzw. tragen lassen. Im übrigen waren die Priester bzw. Leviten, nicht David, für den sachgemäßen Transport der Lade verantwortlich. Immerhin nahmen sie einen „neuen“ Wagen, also einen „reinen“, nicht durch den Alltagsgebrauch profanierten. Aber deswegen war er noch nicht automatisch von Gott „geheiligt“, sprich in Dienst genommen.

      Mal ganz salopp gesagt: Es nützt nichts, wenn wir Gottes klare Vorgaben durch unsere eigenen geistlich wohldurchdachten Strategien ersetzen. Das kann böse schiefgehen …

  2. Und noch ein paar Fragen. Herzlichen Dank für die Beantwortung!
    1 Chr 28, 19
    Was für eine “Schrift aus der Hand des Herrn” ist hier gemeint, in der alle Baupläne für den Tempel aufgeschrieben sind? Hat David diese Pläne verfasst und an Salomo weitergegeben? Weiß man etwas darüber?

    Chronikbücher
    Was bedeutet die Begrifflichkeit “Instrumente Davids”? Hat David festgelegt, welche Instrumente im Gottesdienst verwendet werden sollen?

    2 Chr 33, 3 und 5
    Hier werden die Baalim und Ascheren als “Heer des Himmels” bezeichnet. Wie kommt das und was bedeutet das? Das gibt diesen Götzenbildern doch ein gewisses Ansehen und einen göttlichen Platz. An anderer Stelle werden sie dagegen nur als Machwerk von Menschen verstanden.

    1. 1) „Schrift aus der Hand des Herrn”: Wenn man den ganzen Abschnitt („Kontext“!) liest, wird es klar. Er beginnt in 1Chr 28,11f mit der Aussage: „Und David gab seinem Sohn Salomo den Plan (oder: „das Urbild“, tavnít)der Vorhalle [des Tempels] und seiner Gebäude … den Plan von allem, was durch den Geist in ihm war …“

      Damit wird eine Parallelisierung zu Mose erreicht, der auf dem Sinai das Urbild/den Plan des Heiligen Zelts mit seiner Einrichtung erhielt (Ex 25,9.40; 26,30). Allerdings wird bei David deutlich gemacht („was durch den Geist in ihm war“), dass nicht an ein von Gott verfertigtes Dokument wie die Tafel der 10 Gebote gedacht ist, sondern an eine Inspiration, die David dann hat aufschreiben lassen.

      2) Das hat mit der Einrichtung des Tempelkults durch David zu tun. In Chr organisiert er alles schon, bevor der Tempel dann später gebaut wurde. Dazu gehört die Einrichtung der Tempelsänger, Musiker, Torwächter usw. und eben auch der Bau der zu verwendenden Instrumente. Auch das dürfte nach Chr auf die Inspiration durch Gott zurückgehen, s.o.

      3) Es ist in 2Chr 33,3.5 zu differenzieren: „Baalim“ sind Statuen Baals, des wichtigsten Gottes Kanaans. „Ascheren“ sind „Kultpfähle“ / symbolische Bäume der Vegetationsgöttin Aschera, die in der Praxis wohl oft auch als Partnerin/Frau Jhwhs verehrt wurde. Und das Heer des Himmels meint die Sterne, die selbst wieder als Götter galten: Sonne, Mond, Planeten etc. Letzteres könnte auf den Kontakt mit Assyrien zurückgehen.

      In jedem Fall handelt es sich um Abfall von Gott, und zwar von der schlimmsten Sorte: Mit der Formulierung „ und warf sich nieder … und diente ihnen“ wird auf die 10 Gebote angespielt: Du sollst dir kein Götterbild machen, auch keinerlei Abbild dessen, was oben im Himmel … ist. … du sollst dich vor ihnen nicht niederwerfen und ihnen nicht dienen.“ (Ex 20,4f). Manasse, der schlimmste aller Könige Judas (33,9), handelt also ganz bewusst gegen das Herzstück der Tora. Ex 20,5 heißt es weiter: „Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten Generation“. So schildert 2Chr 34,22ff, dass Josia, der gottesfürchtige Enkel Manasses, persönlich das Unheil nicht erleben wird, es jedoch nach ihm hereinbrechen wird.

    2. Hallo Manfred,
      ich bin gerade bei Hannas Lobgesang anlässlich der Empfängnis bzw. Geburt von Samuel. Dort steht im AB 3 (S.22): „Hannas Lobgesang wird zur Vorlage für das den Lobgesang Marias“

      → wie ist das gemeint? Hat Maria sich deiner Meinung nach daran orientiert? Ob sie was bewusst gemacht hat? Oder war das ein „typisches“ weibliches Motiv damals? (die Umsturzgedanken, das Besingen der Souveränität Gottes). Oder gibt es auch Strömungen, die behaupten, der Gesang Marias im NT sei nur „erfunden“ auf der Basis dieses Liedes von Hanna?

      Danke im Voraus!

      1. Maria stammt vermutlich (wie auch Josef) aus einer frommen Familie. D. h. sie dürfte Hannas Lobgesang gekannt haben, denn Hanna ist eines der großen Rollenvorbilder des AT für Frauen. Damit lag es nahe, ihr Gebet auch zum Muster für das eigene Beten zu nehmen.

        Für einen Frommen Israels – besonders in der Zeit des 2. Tempels (des NT) – war beim Beten immer auch das „Reich Gottes“ und die „Gerechtigkeit Gottes“ im Blick (vgl. Mt 6,33), d.h. seine konkrete Herrschaft auf Erden und ein ihr entsprechender Lebensstil Israels, Dieser schloss insbesondere soziales Unrecht von Seiten der Mächtigen aus. Deshalb sind die beiden Gebete von diesen Themen durchdrungen, die natürlich weit über die individuelle Situation der beiden Frauen hinausgehen.

        Interessant ist, dass Lukas, der Autor dieser Erzählung im NT, höchstwahrscheinlich Zugang zu der Familie Jesu (und damit wohl auch Maria) hatte. Die ersten beiden Kapitel seines Evangeliums legen das absolut nahe, sowohl vom Inhalt her wie auch von ihrer sprachlichen Gestalt. So dürfte die Überlieferung hinsichtlich dieses Gebets zuverlässig sein, wenn auch vielleicht nicht der genaue Wortlaut. Schließlich hatte ihn Maria ja nicht mitgeschrieben …

  3. Beim Ausfüllen des Lernbogens ist mir eine neue Frage gekommen:
    Steht eigentlich irgendwo festgeschrieben, welchen von Davids Söhnen Gott gern auf dem Thron hätte? Ich habe nichts gefunden, nur dass das Königtum an einen leiblichen Sohn weitergegeben und gefestigt wird. Hat also David selbst entschieden, dass es Salomo ist? Er scheint das irgendwann Batseba versprochen zu haben laut 1 Kön 1, 30 und setzt es dann in die Tat um.

    1. In 2Sam 12,24-25 wird gesagt, dass Jhwh Salomo liebte; deshalb gab er ihm durch den Propheten Natan den Namen Jedidja („der Liebling Jahs/Jhwhs“; „Jah“ ist eine Kurzform zu Jhwh). Zudem protegierte Natan ihn, auch das ein Hinweis auf die Erwählung durch Jhwh. Das ist im DtrG ein ausreichender Hinweis darauf, dass er ihn als Nachfolger wollte.

      Manche Fragen klären sich auch durch den Vergleich mit den Chronikbüchern; so auch hier. In 1Chr 22,9-10 und 28,5-7 berichtet David ausdrücklich, dass Jhwh Salomo als König erwählt hat – v.a. um den Tempel zu bauen (22,10; 28,6.10). In 1Chr 29,22 heißt es später, dass Israel Salomo zum König machte (nach der vorausgesetzten Königssalbung am Gihon: 1Chr 23,1 meint 1Kön 1); in 29,25 dann, dass Jhwh ihn „groß machte“ und ihm „das Königtum gab“.

  4. Hallo Manfred, vielen Dank für alles Antworten. Es ist sooooo spannend!
    2 Kön 21,19 und 2 Kön 22,1
    Mir ist es erst hier aufgefallen- die Könige sind schon früh Vater geworden. Kann das sein? Amon wurde mit 24 Jahren getötet. Da war sein Sohn Josia 8 Jahre alt. Amon wurde also mit 16 Jahren Vater. War das üblich in dieser Zeit?

    Wurde Zedekia wirklich von Babyloniern getötet, wie in AB 3 S. 58 unten steht? In 2 Kön 25,7 steht, er wurde geblendet und in Fesseln nach Babel gebracht.

    1. Amon und Josia: Ja, es ist davon auszugehen, dass man generell früh geheiratet hat. Erst recht traf das bei einem König zu. Die hatten ja meist sowieso mehrere offizielle Frauen und darüber hinaus „Konkubinen“/„Nebenfrauen“ (vgl. 1Kön 11,3; Konkubinen hatten aber dadurch einen offiziellen Status). Zudem sind junge Könige nichts Außergewöhnliches. Wenn sie noch Kinder waren, führten Mutter oder Minister die Regierungsgeschäfte in ihrem Namen, bis sie selbst die Entscheidungen trafen.

      Zedekia: Du hast recht, danke! Zedekia ist in Babylon im Gefängnis gestorben (Jer 52,11; Hes 12,13). Ich habe die Arbeitsblätter dahingehend korrigiert.

  5. Hallo Manfred,
    ich habe eine Frage zu 1. Könige 13. Wieso wird der 1. Mann Gottes denn getötet und der alte Prophet kommt ungestraft davon? Er hat doch gelogen, indem er sagte die Engel hätten zu ihm gesprochen. Eine Idee die ich habe ist, dass einfach Gottes Anweisungen Priorität haben, so lange bis er sie ändert und der erste nicht so leichtgläubig hätte sein dürfen. Aber trotzdem hätte dem alten Propheten doch auch eine Schuld zugerechnet werden müssen, denn meinem Verständnis nach kommt seine Lüge einer Gotteslästerung gleich.
    Danke!

    1. 1Kön 13,11f ist ein schwierige Erzählung, da hier nämlich nur berichtet, aber nicht gewertet wird. Dann sollten auch wir vorsichtig sein.

      Man beachte auch, dass die beide Erzählungen, 13,1ff und 13,11ff anonym sind: weder werden die Namen der Propheten genannt, noch die des Königs von Israel (das geschieht erst im Kommentar des Herausgebers in 13,33f). Diese durchgehende Anonymität ist ungewöhnlich und lässt vermuten, dass er die Erzählungen nicht in einer der Prophetenerzählungen gefunden hat; vielleicht handelt es sich um eine mündliche Überlieferung. Der Herausgeber von 1Kön hat sich dann entschieden, sie hier einzufügen, obwohl die Ereignisse auch aus einer anderen Zeit stammen könnten.

      Festzuhalten ist:

      1. Der Prophet aus Juda handelt in 13,1ff nach dem Willen Gottes. Er richtet die Botschaft vom künftigen Gericht Gottes über das religiöse Zentrum des Nordreichs aus.

      2. Der Prophet, der ihn in 13,11ff buchstäblich „ver-führt“, stammt aus Bethel, gehört also in das Umfeld des falschen Kults. So hat er keine Skrupel, zu lügen – er ist damit ein klassischer „Lügenprophet“, aber vielleicht ist ihm das gar nicht richtig bewusst. Warum er das tut, bleibt offen; vielleicht hält er seinerseits den judäischen Propheten für nicht echt (denn der prophezeit ja „falsch“!) und will ihm auf den Zahn fühlen. Damit wäre auch seine Lüge verständlich.

      3. Der judäische Prophet aber lässt sich dadurch von dem ihm bekannten Willen Gottes abbringen – vielleicht traute er dem älteren Propheten aus Bethel mehr an „geistlicher Reife“ oder „Vollmacht“ zu als sich selbst … oder wagte es nicht, die dringend angetragene Gastfreundschaft eines vollmächtigen Propheten auszuschlagen, denn dieser könnte ihn dafür ja auch verfluchen … oder er erlag seinem Wunsch nach Bequemlichkeit … oder … wir wissen es schlicht nicht.

      Einen wichtigen Hinweis aber gibt uns die Erzählung: In 13,19 heißt es „Er kehrte um mit ihm …“. Das ist doppeldeutig: Zum einen bezieht es sich schlicht auf den Weg. Zum andern aber kehrt er sich auch übertragen vom „Weg Gottes“ ab: das ist nichts anderes als eine „ver-kehrte Umkehr“! Das hebräische Verb „schub“ (umkehren, zurückkehren) ist bewusst mehrdeutig.

      4. Der alte Prophet ist zwar ein Lügenprophet, aber seine Prophetengabe ist echt, oder wird zumindest von Gott in dieser Situation in Dienst genommen: Während des Mahls bekommt er ein Gerichtswort über den judäischen Propheten; spätestens jetzt weiß er, dass sein „Kollege“ ein echter Gesandter Gottes ist (13,21). Später dann will er sich deshalb neben ihm begraben lassen (13,31). Und jetzt kommt der Höhepunkt der Geschichte: der Kultprophet von Bethel bestätigt das Wort des judäischen Propheten (13,32). Das ist die Bestätigung aus dem Mund zweier Zeugen.

  6. Und noch ein paar Fragen- vielen Dank!
    2 Sam 23, 20
    Ist der “Löwe in der Zisterne” ein feindlicher Kämpfer, der getötet wurde?

    Frage zum Vortrag 6
    Ich habe es so verstanden, dass die “Schriftpropheten” die Schriften selbst verfasst und aufgeschrieben haben. Ist das richtig?

    1 Kön. 2
    Ich verstehe nicht, warum Salomo Adonija töten lässt. Adonija hat doch nur um die Hand von Davids Dienerin angehalten? Was verstehe ich diesbezüglich über die damaligen Gepflogenheiten nicht?

    Was bedeutet der Name Adonija? Und hat eine andere Schreibweise, Adonia, die gleiche Bedeutung?

    1. Der Löwe in der Zisterne: Damals gab es noch Löwen im Nahen Osten. Eine der Techniken sie zu jagen, war es, sie in ein Falle zu locken – ein in den Boden gegrabenes Loch, wo vielleicht ein Netz gespannt war. Hier hat man eine Zisterne benutzt. Benaja ist dann hineingestiegen und hat den Löwen darin erschlagen – wenn der Löwe nicht in einem Netz gefangen war, war das ein selbstmörderisches Unterfangen. Aber auch mit Netz war es noch lebensgefährlich genug. In jedem Fall war es eine Heldentat – Benaja war halt ein „echter Kerl“, eine Art Arnold Schwarzenegger, dem im Winter langweilig war …

      Die Bezeichnung „Schriftpropheten“ bedeutet, dass es sich um Propheten handelt, von denen schriftliche Überlieferungen in einem eigenen Buch (= „Schrift“!) vorliegen. Keiner der Propheten dürfte das Buch mit seinem Namen selbst verfasst haben. Die Aufzeichnungen / Bücher wurden von Schülern – oft wohl bereits zu Lebzeiten – begonnen und dann häufig von späteren Generationen weitergeführt (vgl. Jer 36,1-4.27f.32; besonders Vers 32 ist aufschlussreich!)

      Zu Adonija: Seine Bitte ist doppelbödig: Zwar war Abischag nur eine Dienerin, wohl eine Hofdame, aber sie galt als König Davids persönliche Konkubine (auch wenn das laut 1Kön 1,3 nicht funktionierte). Damit hatte sie aber einen offiziellen Status, den Adonija ausnutzen konnte, um als der durch die „Frau Davids“ legitimierte Nachfolger den Thron Davids zu beanspruchen – gegen Salomo (vgl. das ähnlich motivierte „politische“ Handeln Absaloms in 2Sam 16,21f – ein öffentlicher Akt!). Damit hatte er die Vergebung für seinen ersten Putschversuch von 1Kön 1 verwirkt.
      Adonia, Adonija, Adonijah etc. sind alles Wiedergaben ein und desselben Namens, nämlich hebr. „Adoni-Jahu“, was soviel heißt wie „Mein Herr ist Jhwh“.

    1. Gut beobachtet: Es könnte eine Verschreibung vorliegen, die beim Kopieren passieren kann; so etwas gibt es ab und zu. So korrigiert die LXX in 1Kön 15,10.13 den Namen der Mutter Asas zu „Ana“.

      Wahrscheinlicher ist: Ma‛acha ist nicht Asas leibliche Mutter, sondern die Großmutter (so übersetzt die EÜ); das ist im Hebräischen durchaus möglich. Hinzu kommt: „Königinmutter“ (d.h. „Mutter des Königs“) war nicht nur eine Verwandtschaftsbezeichnung, sondern zugleich auch ein Titel, mit dem der größte Einfluss einer Frau bei Hof verbunden war. Die „Königinmutter“ stand oft über der eigentlichen Königin. Das macht verständlich, dass die machtbewusste Ma‛acha nicht auf diesen Titel zugunsten ihrer Schwiegertochter verzichtete, als der Sohn der letzteren selbst regierender König wurde. Damit behielt Ma‛acha ihren Einfluss am Hof. So musste ihr Enkel Asa sie förmlich absetzen (1Kön 15,13). Dort wird Ma‛acha als gevirah („Gebieterin“) bezeichnet; das Wort meint hier wahrscheinlich das „Amt“ der Königinmutter.

      In den Parallelerzählungen von 2Chr wird es richtig verwirrend: 2Chr 11,20: Ma‛acha ist die Frau Rehabeams und hat einen Sohn namens Abija; 13,2: Michaja ist die Mutter König Abijas (die LXX korrigiert hier auf Maacha!); 15,16: Ma‛acha ist die Mutter Asas – hier wird 1Kön 15,13 wörtlich zitiert, ohne das mit den vorherigen Angaben abzugleichen. – Vielleicht meint Chronik, dass zwei unterschiedliche Frauen Rehabeams, nämlich Ma‛acha und Michaja, jeweils einen Sohn hatten, der Abija hieß? Vielleicht hatte 2Chr auch zwei unterschiedliche Angaben vorliegen, und hat beide übernommen, um die gefühlte Spannung aufzulösen. In 2Chr 15,16 wäre dann Abijas Frau eine andere Ma‛acha. Das wirkt aber alles eher chaotisch als hilfreich. Man sieht also, die Angaben haben schon den Verfassern von Chron Schwierigkeiten bereitet.

      Ma‛acha ist jedenfalls die zentrale Person hier. Sie ist eine Tochter Absaloms – dessen Problematik setzt sich bei ihr in anderer Form fort. Ma‛acha war eine einflussreiche Frau, was die Erinnerungen an sie bewirkte und vielleicht zum Durcheinander geführt hat, als Asa ihr Werk zerstörte und sie ihres Einflusses beraubte (1Kön 15,13 = 2Chr 15,16).

  7. Hallo Manfred,
    danke für deine Geduld mit all den Fragen. 🙂 Ich habe eine zu König Asa. In der Bibel in 1. Könige 15 steht, dass er der Sohn des David und der Maacha ist. Ich finde das aber nirgends bestätigt. Das einzige was ich herausgefunden habe ist, dass er ein Enkel dieser beiden und ein Sohn Salomos war? Du hast bestimmt eine Antwort für mich.

    1. In 1Kön 15,8 heißt es in den chronologischen Angaben (die aus offiziellen Unterlagen stammen):
      „Und Abija legte sich zu seinen Vätern … und sein Sohn Asa wurde an seiner Stelle König“. Asa ist also Sohn Abijas (und dessen Frau Maacha, 15,2.10).

      Wenn es später heißt „Und Asa tat, was recht war in den Augen JHWHs, wie sein Vater David“ dann wird hier „Vater“ im weiteren Sinn von „Stammvater“ gebraucht, so wie z.B. auch von Abraham als dem Vater Israels gesprochen wird …

  8. Hallo Manfred,
    hier ein paar Fragen zu den Samuelbüchern. Vielen Dank für die Beantwortung!
    1. Sam 2,10
    Was bedeutet das “Horn des Gesalbten”? Geht es tatsächlich um ein Horn, das geblasen wird und zum Kampf ruft und nach dem siegreichen Kampf wieder ertönt? Was heißt dann “erhöhen das Horn seines Gesalbten”?

    AB 3 S.27
    Du schreibst, Psalm 72 sei Salomo “gewidmet”. In meinen Bibeln steht unter der Überschrift des Psalms: “von” Salomo. Was stimmt? Dass der Psalm Salomo gewidmet ist und von David geschrieben wurde oder dass der Psalm von Salomo geschrieben wurde?

    1. Sam 16, 14-15
    “Ein böser Geist vom Herrn”- wie kann ich das verstehen? Bei Eindrücken während des Hörenden Gebetes heißt es, dass Gott ermutigende usw. Eindrücke schenkt und nichts, das ängstigt. Wie passt das zu dem “bösen Geist”, der von Gott auf Saul gekommen sein soll? Oder sendet diesen Geist nicht Gott, sondern der Satan und Gott lässt es (wie bei Hiob) geschehen?

    1. Sam 24 und 26
    Ist das ein und derselbe Vorgang, nur in zwei verschiedenen Versionen erzählt, eben weil die Samuelbücher Sammlungen mehrerer “Autoren” sind und keine chronistischen Aneinanderreihungen? Ebenso 1. Sam 31 und 2. Sam 1: der Tod Sauls wird in zwei Variationen erzählt?

    2. Sam 3, 29
    Welche Erkrankung steht hinter “Ausfluss bei einem Mann”?

    1. [1] Das „Horn“ ist ein Symbol der Macht, kein buchstäbliches Horn, auch kein Schofar (Blashorn). Altorientalische Königskronen wurden deshalb öfters mit symbolischen Hörnern versehen. Die Wendung „das Horn seines Gesalbten erhöhen“ ist ein bildhafter Ausdruck für „die Macht des Gesalbten vergrößern“.

      [2] In den Arbeitsblättern zu den Psalmen wird das ausführlich behandelt. Die Psalmenüberschrift „von“ (hebr.: „le“) kann genausogut „für“ (im Sinn einer Widmung oder einer Traditionslinie) bedeuten. So steht in der Überschrift Ps 39,1 gleich dreimal „le“, so dass zu übersetzen ist „Für (le) den Chorleiter. – Von (le) Jedutun. – Ein Psalm gewidmet (le) David“. In Ps 72 dürfte es sich um eine Widmung an Salomo handeln; bezieht man Vers 20 mit ein, dann wäre es ein Gebet Davids für Salomo.

      [4] 1Sam 24 und 26 sind keine Dubletten. Die Situationen sind völlig verschieden: die Verborgenheit der Höhle gegenüber der Öffentlichkeit des Heerlagers; der Mantelzipfel gegenüber Speer und Wasserkrug. Da ist eine Entwicklung sichtbar: David wird von Getriebenen zu jemand, der das Heft in die Hand nimmt. Ab da wendet sich sein Geschick vom Verfolgten hin zum Agierenden: er wird als Vasall der Philister „Stadtkönig“ von Ziklag und geht in die Offensive.

      [5] Vergleiche Lev 15,1ff, wo näher darauf eingegangen wird. Vermutlich geht es um den Schleimfluss bei einer Gonorrhoe oder einer Blasenbilharziose; letztere war in der Antike weit verbreitet. Im Alten Orient galt das oft als Anzeichen eines Dämons und erforderte einen Exorzismus; im AT wird es als Krankheit eingestuft, die eine Reinigung erfordert.

      [3] Zum bösen Geist. Hier ist die Antwort etwas ausführlicher, weil das eine Grundfrage ist , die immer wieder gestellt wird.

      Es gibt eine weitere Erzählung in den Geschichtsbüchern/Früheren Propheten, die noch dramatischer ist, nämlich 1.Kön 22. Dort täuscht ein Wesen aus dem himmlischen Hofstaat Gottes als Lügengeist den König von Israel, Ahab, so dass er einen Kriegszug unternimmt, in dem er umkommt. Man kann auch an den Pharao von Ex 2-14 denken, dessen Herz von Gott verhärtet („verstockt“) wird, Ex 11,10. Ohne jetzt auf die Details beider Geschichten einzugehen sind die Erzählungen wichtig für die Hermeneutik des Alten Testaments, also die Frage, wie man es verstehen soll.

      Zuerst einmal ist es wichtig, nicht mit unseren vorgefassten Überzeugungen an die Texte heranzugehen, sondern zunächst nur zu beobachten, was gesagt wird und was nicht, den Kontext zu beachten und die Erzählungen in den Gesamtrahmen der biblischen Aussagen zum betreffenden Thema zu stellen.

      Dabei muss man auch auf die Gattungen achten. Bei allen genannten Beispielen handelt es sich um Erzählungen, keine Lehraussagen. Sie schildern konkrete Einzelfälle, machen aber weder Lehraussagen zur Frage nach der Herkunft des Bösen, noch ethisch-pastorale Aussagen. Man muss sie also unbedingt in den größeren Zusammenhang der biblischen Aussagen zum Bösen (und zum Leid) im AT stellen. Und da finden sich folgende Linien:

      —1) Zum einen hast das Böse seinen Ursprung im menschlichen Herzen. Das wird in Gen 1-11, dem Urgeschehen, breit ausgeführt. Das ist auch im gesamtbiblischen Rahmen die Hauptbetonung.

      —2) Zum andern aber gibt es auch die Erfahrung, dass das Böse in irgendeiner Form den Menschen verführen und sich seiner bemächtigen kann. Das wird aber im weiteren Kontext als Konsequenz menschlicher Verhaltens geschildert. („Geist“ ist im AT primär eine Kraftwirkung.) Allen drei erwähnten alttestamentlichen Beispielen geht nämlich eins voraus: Die betreffenden Personen verschließen sich selbst immer wieder gegenüber Gott. Erst ab einem gewissen Zeitpunkt wird dieser Kurs unumkehrbar und von Gott „besiegelt“ – in Form von „Verhärtung“, einer „Täuschung“ oder einer „Fremdbestimmung“ durch eine böse Macht. Das aber ist nichts weiter als die Anerkennung der dauerhaften Lebensausrichtung des Menschen. Beim Pharao werden vorher viele Entscheidungen berichtet, mit denen er sich ein ums andere Mal gegen den Willen Gottes stellt – und das trotz der Zeichen und Wunder, die Mose im Auftrag Gottes getan hatte; das zeigt sich schon in Ex 7:13 und dann bei den Plagen 1-5. Bei Saul und bei Ahab nimmt das die Form eines „bösen“ bzw. „lügnerischen“ Geists an. Sauls Affinität zu dieser spirituellen Dimension wird ja auch bei seiner Totenbeschwörung durch die Hexe von Endor sichtbar. König Ahab hingegen hatte schon längst auch Fremdgöttern gedient; u. a. hat er in seiner Hauptstadt Samaria einen Tempel für Baal errichtet (1.Kön 16,29ff).

      —3) Schließlich aber wird festgehalten, dass nichts dem Willen und der Kontrolle Gottes entgleitet, weder die Entscheidungen des menschlichen Herzens, noch das Böse und sein Wirken. In diesen Zusammenhang sind die Aussagen einzuordnen, dass Gott selbst als „Urheber“ des Bösen dahintersteht.

  9. Hallo Manfred,
    ich habe mal eine Verständnisfrage. Es geht darum, wann denn jemand König ist. Ich dachte, dass dies mit der Salbung zum König der Fall ist, da es ja bei Saul und David in Gottes Auftrag war. Nun schreibst du aber in AB3/S. 27, dass David zunächst unbedeutend war, was ja auch stimmt, er war ja erstmal weiterhin nur Hirte und der Zitherspieler der Saul seine Ängste nimmt. Weiter schreibst du “erst als er sich immer wieder bewährt, steigt er zum König auf”. Aber er ist doch längst König! Oder bezieht sich deine Aussage darauf, dass auch die Menschen seine Königswürde “entdecken” müssen und ihn anerkennen? Aber das würde ja Gottes Entscheid, das was er schon längst beschlossen und besiegelt hat ad absurdum führen? Ist das einfach das Menschliche? Oder ist es wieder mal Ausdruck von Gottes absoluter Souveränität, weil er ja das Wesen den Menschen kennt?

    1. Jemand ist erst dann König, wenn er offiziell „den Thron bestiegen“ hat. Dafür gibt es bestimmte Rituale. Wenn Gott Saul oder David salbt, dann ist das noch keine Thronbesteigung, sondern eine Erwählung und Bestimmung. Deshalb werden diese Salbungen bei Saul (1Sam 10,1) und David (1Sam 16,13) lange vor der eigentlichen Königswerdung, also der Anerkennung des Volks berichtet. Bei Saul sind es zwei Schritte, bis er dann endgültig König wird, nämlich die Loswahl 1Sam 10,17ff und der militärischen Erfolg 1Sam 11, um zum König gemacht zu werden (1Sam 11,15). Bei David braucht es noch länger. Erst in 2Sam 2,4 wird er zum König Judas gemacht, sieben Jahre später zum König ganz Israels 2Sam 5,3. Hier sind es jeweils die „Ältesten“, also die Verantwortlichen, die im Namen des Volks diesen Schritt vollziehen – durch eine Salbung.

      Im NT haben wir etwas Ähnliches: Jesus wird in Mt 3 bei seiner Taufe von Gott mit dem Geist „gesalbt“ (damit ist er der „Messias“/der „Gesalbte“), aber deswegen ist er noch nicht König Israels; darum geht die ganze Diskussion z.B. mit Pilatus ab Joh 18,28ff. Mit seiner Auferstehung und Erhöhung („Himmelfahrt“) besteigt er den himmlischen Thron nach Dan 7,13f. Zwar jubelt ihm das Volk bei seinem Einzug in Jerusalem als König zu (z.B. Joh 12,13), doch erkennen das die Führer des Volks nicht an und lassen ihn hinrichten. König Israels wird er wohl erst bei seiner Wiederkunft (vgl. Mt 23,39).

  10. Hallo Manfred,

    Daniela und mich interessiert mal wieder deine Auslegung zu einer typischen (harten) alttestamentlichen Stelle, nämlich: 2.Könige 2, 23-25.

    Wie muss man die Reaktion von Elisa verstehen?

    Wir sind gespannt! Vielen Dank!

    Liebe Grüße
    Daniela und Anne

    1. Bei der Knappheit, mit der das erzählt wird, ist es schwer, da viel zu sagen. Zwei Anmerkungen: Es sind sicherlich keine „Kinder“, sondern eher junge Leute. Die verwendeten hebr. Begriffe sind da flexibel. Vermutlich kommt man nur wegen der, so wörtl., „kleinen jungen Männer“ (auch „kleine Knechte“ wäre theoretisch möglich) in V. 23 darauf, hier mit „Kinder“ zu übersetzen. Der Begriff, der dann in v 24 verwendet wird, meint zwar „Kinder“, wird aber z. B. auch auf die „jungen“ Ratgeber des Königs Rehabeam in 1Kön 12,8 angewendet, die als seine Altersgenossen um die 40 gewesen sein dürften. Vielleicht soll der Begriff ein „kindisches“ Verhalten anzeigen, das dort aber arrogant und potentiell brutal ist.
      Zum anderen ist Verspottung wegen Kahlköpfigkeit vielleicht ein Spott über Elisas Prophetenamt. Sein Vorgänger Elia war nämlich recht „haarig“ gewesen, 2Kön 1,8. Dann wird die Reaktion Elisas etwas verständlicher. Trotzdem keine tolle Geschichte …

      Jesus geht anders mit solchen Vorfällen um. Das zeigt Lk 9,52-56 sehr deutlich (übrigens eine Anspielung auf Elia, der schon einmal Feuer vom Himmel fallen ließ: 2Kön 1,10ff). Offenbar setzt Jesus bewusst ganz neue Maßstäbe, was immer es mit der Elisa-Erzählung auf sich hat.

  11. Viele der großen Persönlichkeiten der Richter- und Königszeit versagen als Väter: Gideon, Eli, Samuel, David, Josia, Hiskia
    Der “Versager”, König Saul aber hat einen Sohn, Jonathan, der der Prototyp eines gottesfürchtigen starken und entschlossenen Mannes ist, dessen höchstes Ziel es ist, Gottes Weg zu gehen und andere zu unterstützen, in ihre Berufung zu wachsen, auch wenn das für ihn persönlich ein Zurückstehen bedeutet. Das ist doch Hingabe im Sinne von Lk. 22,26.
    Da könnte fast die Vermutung aufkommen, dass Wesensmerkmale / Eigenschaften / Charakterzüge / Haltungen / Gewohnheiten, die den Erfolg in dem einen Feld ermöglichen, den Mißerfolg auf dem anderen Feld begünstigen.
    Wie seht ihr das?

    1. Ich sehe da keine Zusammenhänge; sie werden im Text ja auch nicht hergestellt. Und es gibt ja auch ein paar Gegenbeispiele, David und Salomo z.B., oder Asa und Josafat.

      Aber vielleicht liegt manches daran, dass „Führungspersönlichkeiten“, insbesondere Könige, sich nicht groß um Erziehung gekümmert haben? Die Mahnungen des Deuteronomiums zum Thema Erziehung in der Gottesfurcht haben sicher einen realen Hintergrund …
      Letztlich ist aber jede Generation selbst verantwortlich vor Gott.

  12. Hallo Manfred, hier drei Fragen zu Josua und Richter. Vielen Dank für die Beantwortung.
    Josua 6
    In dem Sachbuch “Leben und Arbeit in biblischer Zeit” von W. Zwickel las ich, dass Jericho schon verlassen war als das Volk Israel in Kanaan einzog. Warum wird die Geschichte dann in der Bibel so anders erzählt? Der Autor äußert sich dazu leider nicht. Dass Gott groß ist und Israel bei der Landnahme hilft, muss man doch nicht durch “Lügengeschichten” beweisen wollen.

    Josua 10-12
    Kann man diese zahlreichen Eroberungen eigentlich archäologisch beweisen, also haben die Eroberungen tatsächlich stattgefunden oder sind es Erzählungen, die eine Erklärung liefern sollen, wie die Stämme ihr Land bekommen haben, also die Frage nach ihrer Herkunft befriedigen sollen?

    Richter 10+11
    1. Ist Gilead gleich dem Stamm Gad? Und wenn nicht, ist dann Jeftah als Gileaditer gar nicht zu einem der israelitischen Stämme zugehörig? Wieso kennt er dann aber Gott?
    2. Ähnliche Frage zu Richter 3: Ist Otniel als Keniter zum Stamm Juda gehörig? (Kaleb, sein Verwandter gehörte zu Juda.)
    3. Mich irritieren die vielen Bezeichnungen der Völker. Ich suche immer nach Strukturen als Orientierung. Gehören zu einem Stamm immer mehrere Sippen, also Familien? Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Zum Stamm Bayern gehören die Hubers und Meiers und zum Stamm Sachsen gehören die Müllers und Fischers? Wie kann ich mir die Grobgliederung der Volksgruppen vorstellen? (Stamm- Großfamilie (Sippe)- Kernfamilie….. ?)

    1. Die historische Einordnung der Landnahme (inkl. des Exodus) ist äußerst komplex; so einfach, wie das die landläufigen Handbücher darstellen, ist es leider nicht. Da gibt es einen Berg von archäologischen Fragen und Problemen, die ich in AB2, Exkurs 1. kurz angerissen habe. Gleiches gilt für die „Zerstörungsschichten“ der von Israel eroberten Städte – bis auf drei Ausnahmen (Jericho, Ai und Hazor) wurden sie nach der Schilderung des Josuabuchs zwar erobert, aber gerade nicht zerstört – Israel sollte in ihnen wohnen (s. AB3, S.10)! Tatsächlich hat man bei Jericho keine Siedlungsspuren aus dem 13./12. Jh gefunden, also der Zeit, in die die Landnahme meist datiert wird; vielleicht sind sie erodiert. Vorher hat man allerdings eine schwere Zerstörungsschicht gefunden; wenn man die heutige Chronologie ändern würde (es gibt da ungelöste Probleme), hätte das auch Folgen für die Datierung der Zerstörungsschichten in Jericho. – ist bisher nicht sicher identifiziert (auch der Text in Jos gibt Rätsel auf); Hazor weist eine massive Zerstörungsschicht auf, die zeitlich passt und zudem eine religiöse Komponente hat.

      Zu Richter 10f.
      1) Gilead ist eine Landschaft im Ostjordanland (heutiges Jordanien);. Dort siedelten die Hälfte des Stamms Manasse und südlich der Stamm Gad. Ruben ließ sich noch weiter südlich nieder (siehe BM5-Karte).

      2) So wird es dargestellt. Aber offenbar war die Identität des „Keniter“-Clans stärker und wichtiger als die des Stamms Juda. Der Name die „Keniter“ ist aber im AT schillernd / mehrdeutig (vgl. Gen 15,19; Num 24,21f; Ri 1,16; 4,11; 1Sam 15,6; 27,10 usw.). Ob und ggf. welche Zusammenhänge da bestehen, ist unklar.

      3) Der Aufbau einer tribalen Gesellschaft („Stammesgesellschaft“) geht von der ersten Ebene Großfamilie über die nächste Ebene Sippe/Clan (mehrere zusammengehörige Großfamilien) zum Stamm (mehrere Clans); ein Volk setzt sich dann u.U. aus mehreren Stämmen zusammen. Dein Beispiel: Zu Bayern (einem Land/„Volk“) gehören die „Stämme“ der Franken, Bayern und Schwaben (kleiner Teil) sowie theoretisch noch Teile der aus der ehemaligen Tschechoslowakei vertriebenen Sudetendeutschen. Sippen bzw. „Clans“ gibt es bei uns nicht mehr – außer im Rahmen von Migranten-Communities, die das aus ihren Heimatländern mitgebracht haben.

      1. Danke Manfred,
        aber wenn z.B. in Röm 1, 3 steht: “…hervorgegangen aus dem Samen Davids nach dem Fleisch”, ist das doch sehr biologisch ausgedrückt.
        Da hab ich echt weiterhin meine Probleme mit!
        Könntest du das noch etwas mehr ausführen, damit ich meine Fragezeichen im Kopf loswerde?
        Oder gibt es eine biologische Abstammung Marias von David? Damit könnte ich dann auch “leben”. 🙂
        Vielen Dank!
        LG Anne

        1. Wirr müssen uns von der Assoziation „Fleisch“ (griech. „sarx“) = Biologie/„Körper“ lösen. „Fleisch“ meint neutestamentlich einfach die menschlich-natürliche Existenzweise – vor allem wenn es in der Wendung „nach dem Fleisch“ im Gegensatz zu „nach dem Geist“ gebraucht wird. Das umfasst die gesamte menschliche Existenz in all ihren Facetten. Röm 1,3 meint also: „sein Sohn, der Nachkomme Davids aus menschlicher Sicht ist (das schließt die juristische mit ein!), während er durch den Geist der Heiligkeit als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt ist“. – Übrigens gibnt es im Griechischen den Unterschied der beiden Begriff „sarx“ („Fleisch“ = „natürliche Existenzweise“) und „kreas“ („Fleisch“ im biologischen Sinn. Vgl. den Unterschied im Englischen zwischen flesh und meat.

          Der Stammbaum Marias bleibt unklar, auch wenn man schon in der Antike versucht hat, den Stammbaum bei Lukas als den von Maria zu verstehen, und den bei Matthäus als den Josefs. Das geht aber nur mit einer Reihe verschachtelter Hypothesen und klappt dann doch nicht ganz. Aber die unterschiedlichen Stammbäume Jesu in Mt und ́Lk sind ein ganz eigenes komplexes Problem (das im NT behandelt wird).

  13. Hey Manfred,
    ich habe zwei Fragen/Anmerkungen:
    1. Die Israeliten sollen nur an einem Ort Gott opfern, dort wo die Bundeslade steht bzw. später im Tempel. Dies wird sehr deutlich in Josua 22,9ff., wo die 2,5 Stämme auf der anderen Seite des Jordans einen Altar errichten. In Richter 6,26 wird Gideon jedoch von Gott dazu aufgefordert. Natürlich war es bei Gideon ein klares Zeichen an die Umwelt, so nicht, Gott Jahwe ist der Herr, nicht Baal o.a. Aber beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass ständig und überall Altäre für den Herrn stehen. Waren die alle “verboten”? Oder gab es doch keinen Einheitskult? Oder gibt es unterschiedliche Formen von Altären? Das klingt auch bei den 2,5 Stämmen Israel an. Wenn ich an einen Altar denke, denke ich zumeinst an einen Opferaltar. Aber es scheint auch Altäre zur Erinnerung zu geben. Diese würde ich persönlich nur nicht als Altar definieren, sondern als ein Wahrzeichen o.ä.
    2. Ich tue mich sehr schwer mit dem Exkurs 2: Die Landnahme – Genozid oder Gericht?
    Zu 1) Es mag zwar damals zur normalen Kriegsrhetorik gehört haben, dennoch zeigt die Geschichte Israels, dass dort, wo sie den Bann nicht vollsträckt haben, wie Gott es befohlen hat, sie scheitern, von Gott abfallen (durch die Vermischung mit anderen Völkern, ihren Göttern etc.). Ich denke schon, dass Gottes Plan die Vernichtung der anderen Völker war zum Schutze Israels.
    Zu 2)Priesterliche Heiligkeitstheologie: Das bestätigt, dass es nicht nur Kriegsrhetorik war. Die anderen Völker sollen sterben, damit das Land und Israel geheiligt wird.
    Zu 4) Dieses Heiligkeitsprinzip galt auch Israel, ok.
    Aber mir stellt sich dann immer wieder die Frage: Warum wurde Israel als einziges Volk erwählt? Warum ist Gott seinen Weg nicht mit der gesamten Menschheit gegangen? Warum hatte Israel das Vorrecht, Gott auf so intime Weise kennenzulernen und die anderen nicht? Es gibt einzelne Gläubige in den anderen Völkern und der Römerbrief sagt auch aus, dass wir Gott in seiner Schöpfung erkennen können. Aber dennoch geht Gott einen ganz besonderen Weg mit Israel im Vergleich zum Rest der Menschheit. Das ist unfair, ganz plakativ aus meiner beschränkten Sicht gesagt.

    1. Zu 1) Zum Altarbau. Die von Dir beschriebene Problematik hat mit der geschichtlichen Vertiefung und Modifizierung von Offenbarung zu tun. Es sieht ganz so aus, als ob das Gebot der Kultzentralisation erst zu dem Zeitpunkt relevant wurde, als Gott sich einen definitiven, bleibenden Wohnort erwählt hatte, nämlich den Tempel auf dem Zionshügel in Jerusalem. Ab da ist das Opfern auf den Höhen nicht mehr legitim, auch wenn es noch mehr oder weniger durchgehend geschah, ob Outdoors oder Indoors (in kleinen oder größeren Tempeln). Es wurde eigentlich nur von den beiden großen Reformatorenkönigen, Hiskia und Josia, unterbunden.
      Dieses Problem wurde aber durch ein viel schlimmeres in den Schatten gestellt, nämlich das des Synkretismus, der Mit-Verehrung anderer Gottheiten. Das dürfte vor allem „Aschera“ gewesen sein, eine Vegetations- und Fruchtbarkeitsgöttin (mit ihrem Symbol der „Ascheren“ – Kultbäumen oder -pfählen), die als Partnerin Jhwhs verehrt wurde; dafür gibt es auch archäologische Belege. Das war nun echter Götzendienst.
      Insofern geht das DtrG mit den gottesfürchtigen Königen milde um und sieht ihnen das (Zulassen von) Opfern auf den Höhen nach (z.B. 1Kön 15,14; ebenso 2Chr 15,17; 20,33) – vermutlich aber nur insofern, als es sich dabei um einen reinen Jhwh-Kult handelte. Wenn eine andere Gottheit wie Aschera dazukommt, oder gleich Jhwh durch Baal ersetzt wird, wird das als krasser Götzendienst gebrandmarkt. Dagegen läuft das DtrG Sturm.
      Vor der Erwählung Jerusalems aber war es „normal“, dass an wichtigen Orten Altäre gebaut wurden, auch dann, wenn dort nicht der Ort des Heiligen Zelts war; seine „Mobilität“ wurde offenbar als Ausdruck des „Noch Unterwegsseins“ Gottes empfunden.
      Altäre sind immer Orte des Kults, also der meist liturgisch strukturierten Begegnung mit Gott. Das unerlässliche Element des „Feuers“ versinnbildlicht seine transzendente, physisch nicht greifbare und doch zugleich alles verzehrende Gegenwart. So ist die Sinaioffenbarung Gottes wesentlich damit verknüpft. Auf die Spitze getrieben wird dieses Moment dann bei dem Gottesurteil auf dem Berg Karmel, 1Kön 18,18ff.
      Deshalb ist es ungewöhnlich, dass in Jos 22 der Altar nur als „Gedenkort“ konzipiert worden sein soll – vielleicht ist das ja auch nur eine Schutzbehauptung der Ostjordanstämme gewesen. Aber es half, einen Krieg zu vermeiden.
      Als „Gedenk-Marker“ dienen klassisch die „Mazzeben“, aufgerichtete Steine; sie bezeichnen häufig eine vorangegangene Begegnung mit dem Numinosen/Göttlichen, teilweise auch ein sonstiges wichtiges Ereignis. Beide Aspekte werden sehr schön in der Jokobserzählung deutlich, Gen 28,16-22 (und Gen 35,14), aber auch Gen 31,44f. Und natürlich in Jos 4,1-9 wie bereits schon in Ex 24,4; Dtn 27,2-8; und dann wieder in Jos 24,26-27. Zum Teil werden solche Gedenksteine als sog. „Stelen“ (bebildert und) beschriftet.

    2. Zu 2) Zum Thema Genozid. Da geht es dir nicht alleine so. Für unser heutiges ethisch-moralisches Empfinden ist das unerträglich. Irgendwelche Differenzierungen empfinden wir als Relativierung oder gleich als Ausflüchte. Trotzdem ist eine Differenzierung angebracht: Gott ver-„nichtet“ in der Landnahme das Böse, nicht die Menschen als solche. Wo sie aber zu Exponenten des Bösen geworden sind, Trägern wie Tätern, sind sie deshalb mit betroffen. Deshalb trifft es auch Israel und Kanaan gleichermaßen (symbolisch schon Achan, Jos 5, bis hin zur Parallele in Apg 5). Es ist aber auch schon das Grundprinzip, das hinter der Vertreibung Adams aus dem Paradies steht – denn auch damit wird der Mensch dem Tod überantwortet; es dauert nur etwas länger.
      Und dann muss man eine noch größere Perspektive sehen: In quasi 99,9% der Fälle, wo Menschen Exponenten des Bösen sind, übt Gott nahezu endlose Geduld – nämlich bei allen „Heiden“ außerhalb des Verheißenen Landes. In Apg 17,30 thematisiert Paulus das sogar ausdrücklich. Ein ähnlicher Gedanke steht hinter Röm 1,18ff, denn die „Dahingabe“ an die Konsequenzen der Sünde ist noch etwas anderes als das das Böse vernichtende Gericht Gottes.
      Betrachtet man es aus dieser Perspektive, dann wird die Landnahmeerzählung zu einer Art begrenzter Vorwegnahme des endzeitlichen Gerichts, wie es uns in Off 20,11-15 bildhaft vor Augen geführt wird. (Selbst noch in der Neuen Schöpfung bleiben die „Übeltäter“ ausdrücklich ausgeschlossen 22,15; das ist eine ernste Warnung in dieser so großartigen Vision.) – Aber wie gesagt: unser moralisches Empfinden empört sich gegen solche Argumente. Das ist allerdings eine recht junge Prägung des Gewissens: bis ins 20. Jahrhundert hinein hat man solch ein Handeln Gottes als gerecht, weil angemessen, empfunden. Das hat natürlich auch mit der Veränderung unseres Weltbilds zu tun, aus dem Gott gestrichen wurde und der abstrakte Mensch an seine Stelle getreten ist – jenseits von Gut und Böse.
      Zum Thema Erwählung: Die Alternative, entweder Israel („partikular“) oder Menschheit („universal“) ist keine wirkliche Alternative. Das wäre sie nur, wenn Israel für sich geblieben wäre und nicht von Anfang an die priesterliche Berufung (für wen? – natürlich für die Völker!) gehabt hätte.
      Grundsätzlich beobachten wir in der Schrift, dass Gott partikular anfängt, aber universal vollendet. Das geht spätestens seit Noah und Abraham so; Noah steht für die ganze Menschheit (sein Bund gilt allen) und in Abraham wird die Menschheit schon ganz am Anfang mit einbezogen. In den Visionen der Offenbarung ist immer wieder von „jedem Volk, Stamm, jeder Nation und Sprache“ die Rede, wenn die erlöste Menschheit in den Blick kommt. (z.B. Off 5,8; 7,9 etc.). Die zentrale Weichenstellung ist dabei das Kommen Jesu – nämlich partikular, als Jude/Israelit, der zunächst nur zu Israel gesandt war, aber dann als Auferstandener seine Mission universal auf alle Völker ausdehnt. Deshalb ist seitdem das „(Eigentums-)Volk Gottes“ nicht mehr nur Israel, sondern die Gemeinde der Messiasanhänger aus Israel und den/allen anderen Nationen. Sie waren schon längst miterwählt – seit Abraham, ja sogar seit der Schöpfung.
      Im Tiefsten hat das mit dem Wesen von Geschichte zu tun. „Wirklich“ ist biblisch gesehn nur, was auf dieser Erde und im konkreten Leben von Menschen „wirksam“ ist. Und da geht es aufgrund der Eigenart einer Schöpfung in Raum und Zeit nur nacheinander. Die Erwählung ist schon vor aller Zeit beschlossen (z.B. Eph 1,4f), aber sie muss in Raum und Zeit Gestalt gewinnen.

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